Frontispiz und Titelseite von Gotthold Ephraim Lessings Fabeln
Frontispiz und Titelseite von Gotthold Ephraim Lessings Fabeln, 1777 mit Besitzstempel der Oratorischen Bibliothek

Bildnachweis: Bibliothek der Franckeschen Stiftungen (BFSt): 214 K 2

Frontispiz und Titelseite von Gotthold Ephraim Lessings Fabeln, 1777 mit Besitzstempel der Oratorischen Bibliothek
Bildnachweis: Bibliothek der Franckeschen Stiftungen (BFSt): 214 K 2

Die Oratorische Bibliothek des Königlichen Pädagogiums zu Halle
Eine Schulbibliothek um 1800

Autorin: Anne Sturm
​Erstveröffentlichung im Kulturfalter, Ausgabe Februar 2018, S. 18-19

Bibliotheken bilden nicht nur bis zum heutigen Tag das Herz der Franckeschen Stiftungen – schon im Bildungskonzept ihres Gründers, August Hermann Francke, waren sie zentral. Neben der allseits bekannten Bibliothek des Waisenhauses, der „Bibliotheca Orphanotrophei Halensis“, existierten in Franckes Todesjahr 1727 bereits eine Reihe kleinerer Bibliotheken beispielsweise an der Lateinschule, der Realschule und der Höheren Töchterschule.
Diese Schulbibliotheken waren zunächst ausschließlich auf die Bedürfnisse der Lehrer zugeschnitten und zu deren Weiterbildung bestimmt. Erst ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden Schulbibliotheken, zu denen auch Schüler Zugang hatten und die zeitgenössische Kinder- und Jugendliteratur bereitstellten. Um eine der ersten Schülerbibliotheken in der Geschichte der Franckeschen Stiftungen handelt es sich bei der Oratorischen Bibliothek.

Widmung mehrerer Schüler aus dem Jahr 1756. Zu finden in: Friedrich Carl von Moser Der Christ in der Freundschaft, 1754.
Widmung mehrerer Schüler aus dem
Jahr 1756. Zu finden in: Friedrich Carl
von Moser Der Christ in der Freundschaft,
1754.
Bildnachweis: Bibliothek der Franckeschen
Stiftungen (BFSt): 211 G 4

Widmung mehrerer Schüler aus dem Jahr 1756. Zu finden in: Friedrich Carl von Moser Der Christ in der Freundschaft, 1754.

Bildnachweis: Bibliothek der Franckeschen Stiftungen (BFSt): 211 G 4

Die Oratorische Bibliothek war am Königlichen Pädagogium angesiedelt, das 1695 von August Hermann Francke gegründet worden war. Das relativ hohe Schulgeld führte dazu, dass vor allem Adlige und wohlhabende Bürgerliche am Pädagogium lernten, dessen ausgezeichneter Ruf bis nach Russland und Südamerika reichte. Die Blütezeit des Pädagogiums ist eng mit der Person August Hermann Niemeyers, einem Urenkel Franckes, verbunden. Niemeyer reformierte nach seiner Ernennung zum Inspektor des Pädagogiums 1784 die dort eingesetzten Erziehungs- und Unterrichtsmethoden und steigerte damit die Attraktivität der Schule ein weiteres Mal. Als Freund schöngeistiger Literatur mit eigenen poetischen Ambitionen ebnete er zudem der deutschsprachigen Literatur den Weg ans Pädagogium.

Es ist daher kaum Zufall, dass in Niemeyers Amtszeit ein kleinerer Teil aus einem Buchbestand ausgegliedert wurde, der bereits seit der Gründung des Pädagogiums kontinuierlich gewachsen war. Dieser Buchbestand, bald unter dem Namen Oratorische Bibliothek geführt, wurde nun gesondert vermehrt und in eigenen Räumlichkeiten des Pädagogiums aufgestellt. Auf Bestreben Niemeyers wurde vor allem aktuelle deutschsprachige Literatur angeschafft, die neben dramatischen und lyrischen Werken auch aus Romanen sowie neuartigen periodischen Formaten wie Zeitschriften, Taschenbüchern und Almanachen bestand. Zahlreiche berühmte Autoren wie Goethe, Schiller und Lessing waren mit Gesamtausgaben ihrer Werke in der Bibliothek vertreten. Es lassen sich jedoch auch im 18. Jahrhundert relevante, heute jedoch wieder in Vergessenheit geratene Autoren wie Johann Elias Schlegel, Franz Xaver Bronner und Johann Peter Uz im Bestand finden. Zahlreiche Werke wurden in Erstausgaben angeschafft, die heute von besonderem Interesse und Wert sind. Diese sind nach der Auflösung der Oratorischen Bibliothek 1902 zum größten Teil in andere Bibliotheken der Franckeschen Stiftungen abgegeben worden, so dass glücklicherweise ein Bestand von rund 1.500 Titeln die Auflösung überstand. Bis zum heutigen Tag lassen sich zahlreiche Titel mit dem Besitzstempel der Oratorischen Bibliothek im Bestand der Hauptbibliothek der Franckeschen Stiftungen finden.

Die Bezeichnung als Oratorische Bibliothek hängt eng mit der speziellen Nutzung des Bestandes im Rahmen des oratorischen Unterrichts, des Rhetorikunterrichts in deutscher Sprache, zusammen. Rhetorik wurde am Pädagogium nicht nur im Unterricht geübt, sondern kam auch in Form öffentlicher Redeübungen vor Stadtpublikum zur Aufführung. Die Räumlichkeiten der Oratorischen Bibliothek dienten dabei als Veranstaltungsort kleinerer Aufführungen, der sogenannten „Privatactus“. Diese stellten gesellige Zusammenkünfte dar, bei denen Gedichte rezitiert, kleine Theaterszenen nachgespielt oder naturwissenschaftliche Experimente vorgeführt wurden. Eine Reihe von Einladungen zu kleineren und größeren Redeübungen hat sich erhalten, auf denen neben den vortragenden Scholaren auch die vorgetragenen Texte genau vermerkt sind. Anhand dieser Quellen lässt sich nachweisen, dass die Oratorische Bibliothek nicht nur die Räumlichkeiten für die Veranstaltungen bot, sondern dass die Bücher auch als Textfundus genutzt wurden. Auch für das Journal der Lektüre, einer Art Lesetagebuch, das spätestens ab 1791 von allen Scholaren geführt werden musste, diente die Oratorische Bibliothek als selbstverständliche Lektürequelle.

Archivalien rund um das Journal der Lektüre, Einladungen und bibliophile Kostbarkeiten der Oratorischen Bibliothek sind noch bis zum 8. April 2018 in einer Kabinettausstellung in der Historischen Bibliothek (Haus 22) der Franckeschen Stiftungen zu sehen. 2017 erschien zum Thema zudem ein Band der Kleinen Schriftenreihe der Franckeschen Stiftungen.