Verein für hallische Stadtgeschichte e. V.

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Quelle: http://www.stadtgeschichte-halle.de?id=304074 Datum: 22.05.2013

Kulturfalter. März 2010

Bibeldruck in Halle
Die Cansteinsche Bibelanstalt in den Franckeschen Stiftungen

Michael Hübner

Im Jahre 1710 entstand im Halleschen Wai­sen­haus die erste Bibelanstalt der Welt. Ihr Ur­heber war der Freiherr Carl Hil­de­brand von Canstein (1667–1719), ei­ner der bedeutendsten Anhänger Au­gust Hermann Franckes (1663–1727). Bis zu Can­steins Tod wurden bereits ca. 100.000 Neue Te­sta­men­te in 20 Auflagen und je 40.000 Haus- und Handbibeln in je acht Auflagen durch die neue Bibelanstalt verbreitet. Im ganzen 18. Jahr­hun­dert erschienen hier fast 2 Millionen Voll­bi­beln in 380 Auflagen und über 1 Million Neue Te­sta­men­te. Bald waren zu den deutschen Bibeln auch Ausgaben in anderen Sprachen hin­zu­ge­kom­men. Auf Grund der hohen Wert­schätzung der Bibel durch den Hal­leschen Pie­tis­mus, des guten Namens des Waisenhauses, des sen­sa­tio­nell niedrigen Preises und vor allem der Text­qua­li­tät war das Wirken der Bibelanstalt dermaßen er­folg­reich, dass die Bibel nun zu einem wirk­lichen „Volksbuch“ wurde.

Der Pietismus war schon im Ursprung eine Bibelbewegung. Als solche trug er in außer­ordent­li­chem Maße zur Verbreitung und Aneignung der Bibel in der Gemeinde bei. Francke war der An­sicht, dass eine verpflichtende Autorität nur der Heiligen Schrift zukomme. Daher forderte er häu­fige Bibellektüre und den Erwerb einer umfassenden Bibelkenntnis. Eine Voraussetzung dafür sah er in einer Massenverbreitung der deutschen Bibel zu Niedrigstpreisen. Schon im 17. Jahrhundert gab es durchaus keinen Mangel an preiswerten Handbibeln. Dass die Bibel noch nicht, wie von den Pietisten erhofft, ein wirklich in alle Schichten dringendes Volksbuch geworden war, lag in ho­hem Maße an fehlender Nachfrage und Desinteresse. So musste das vorrangige Ziel der Pietisten sein, mit Hilfe von Belehrung und Anleitung zum Bibel­lesen aus dem orthodoxen Ka­te­chis­mus­chri­sten­tum das angestrebte Bi­bel­chri­sten­tum zu formen.

Dem Ziel der Verbreitung von guten Bibeln widmete sich auch Canstein. Er griff die bereits in Hol­land zur praktischen Anwendung gebrachte Idee auf, vom „stehenden Satz“ zu drucken. So war die Produktion immer neuer Bibelausgaben zu etwa je 5.000 Exemplaren mit hoher Textqualität möglich, bis die Lettern abgenutzt waren und umgeschmolzen werden mussten. Allerdings waren hohe Anfangs­in­vesti­tionen für den Erwerb der benötigten großen Menge an Typenmaterial erforderlich. Das hierfür notwendige Kapital beschaffte Canstein, der Spenden sammelte, den größten Teil der Kosten aber selbst trug.

Da der Bibeltext seit der Lutherzeit star­ke Ab­wei­chungen aufwies, waren Can­stein und Francke bestrebt, wieder einen brauch­ba­ren Luthertext herzustellen. Als Grund­lage diente die in Stade erschienene recht zuverlässige Oktavbibel in der Aus­gabe von 1703, die Canstein mit Bibeln aus der Lutherzeit verglich. Auf Grund der er­reich­ten hohen Textqualität und der großen Korrektheit wurde die Can­stein-Bi­bel auch zur Vorlage für die erste deutsch­spra­chige Bibeledition durch Chri­sto­pher Saur 1743 in Amerika. Neben den deutschsprachigen Bibelausgaben der Can­stein­schen Bibel­anstalt bemühte sich das Hallesche Waisenhaus auch um wis­sen­schaft­liche Bibel­edi­tions­pro­jekte und die He­raus­gabe fremd­spra­chi­ger Bi­bel­drucke. So wurde bei­spiels­weise im von Francke 1702 ge­grün­deten „Collegium orien­tale theologicum“ die erste kritische Aus­gabe des hebrä­ischen Alten Te­sta­ments erarbeitet, die 1720 erschien, und 1722 wurde eine tsche­chi­sche Bibel im Ver­lag der Buch­handlung des Wai­sen­hau­ses publiziert. 1938 sollte die Can­stein­sche Bibel­anstalt vom NS-Staat aufgelöst wer­den, was durch die Verbindung mit der Preußi­schen Haupt-Bibel­gesell­schaft, der man die Verlags­rechte und die Bestände überließ, verhindert wurde. Mit Sitz in Witten (Ruhr) wurde 1951 die Produktion von Bibeln in moderner Form wieder aufgenommen.

Mehr als tausend Belegexemplare der Neuen Testamente und Bibeln aus der Bibelanstalt sind heu­te in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen vorhanden. Im 300. Jubiläumsjahr der Bibelanstalt zeigt eine Kabinettausstellung in der Historischen Bibliothek der Franckeschen Stiftungen nun eine Aus­wahl dieser Drucke und weitere Dokumente zum Bibeldruck im Halleschen Waisenhaus.

Information:

Die Kabinettausstellung ist vom 4. März bis 6. Juni außer Montags täglich von 10–17 Uhr in den Franckeschen Stiftungen zu besichtigen.