Kulturfalter. April 2007
Neuwerk – vom Chorherrenstift zur Villengegend
Andrea Thiele
Bei dem Begriff Neuwerk denkt der Hallenser zunächst an die Straße, die diesen Namen trägt. Sie erstreckt sich von der Pfälzer Brücke am Fuß der Moritzburg zunächst entlang der Saale, um sich dann, stetig am Saalehang ansteigend, von ihr zu entfernen, auf Höhe des Mühlwegs mit der Straße „Am Kirchtor“ zusammenzulaufen und in die Burgstraße überzugehen. Tatsächlich wurde die Straße „Neuwerk“ ganz neu zwischen 1914 und 1917 als Entlastung der Geiststraße angelegt, und Halle so von einer Seite erschlossen, von der aus man es bis dahin nicht kannte.
Aber worauf nimmt der Straßenname Bezug? Er verweist auf das 1116 gegründete, hier außerhalb des hallischen Mauerrings gelegene, mächtige Augustinerchorherrenstift Neuwerk, lateinisch „ad Novum Opus“. Augustinerchorherren waren ein Zusammenschluss zu einer christlichen Gemeinschaft, die etwas freier war als ein enger Ordensverband. Von einem Ritter gestiftet, der eine „goldene Egge“ vom Himmel hatte herab schweben sehen, und von vielen Bürgern Halles mit Stiftungen bedacht, war Neuwerk die überhaupt erste klösterliche Niederlassung in Halle und die mächtigste im Süden des Erzbistums Magdeburg. So große Bedeutung es besaß, so wenig ist in baulicher Hinsicht heute von „Kloster Neuwerk“ noch erhalten beziehungsweise überhaupt bekannt. Schließt man von dem Siegel des Propstes, wie es auf einem Abdruck von 1517 zu sehen ist, auf die Gestalt der Klosterkirche, so könnte auf dieser Anhöhe über der Saale eine viertürmige, romanische Basilika entstanden sein. Der Propst von Neuwerk besaß einst die archidiakonale, also die geistliche Gerichtsbarkeit über drei der vier Pfarrkirchen Halles. In Folge der Reformation von seinen Bewohnern verlassen, wurde Neuwerk 1529 von Kardinal Albrecht von Brandenburg geschlossen und 1531 zum Abbruch bestimmt. Seine Befugnisse, seine Kunstschätze und sein gesamter Grundbesitz wurden auf das ehrgeizige Projekt Albrechts, das „Neue Stift“ übertragen. Wie erging es nun diesem nördlich von Halle liegenden Areal? Bis zur Errichtung der Straße „Neuwerk“ ging es hier recht beschaulich zu. Da sich nach der Gründung auch einfache Einwohner in der Nähe des Klosters niedergelassen hatten, hatte sich vor dem Ulrichstor die Siedlung, später die Amtsstadt Neumarkt entwickelt, deren Pfarrkirche die Kirche St. Laurentius war. Vom Abriss verschonte Teile der Wirtschaftsgebäude des Klosters wurden im 17. und 18. Jahrhundert als „Malz- und Brauereihaus“ des Amtes Giebichenstein genutzt. Das Gelände am Saalehang diente in jener Zeit, als Halle noch Residenzstadt war, als „fürstlicher Küchengarten“. Schließlich wurde es nach und nach für den Botanischen Garten der Universität ausgewiesen, der hier kurz nach deren Gründung im Jahre 1694 angelegt wurde. Weiter stromabwärts, aber noch vor der Steinmühle, waren lange Zeit Färbereien ansässig.
Im 19. Jahrhundert entdeckten die Bürger Halles die grünen, großzügigen Areale jenseits der alten Stadtummauerung und errichteten in der Straße „Am Kirchtor“ und am Mühlweg Gartenhäuser und schließlich villenartige Gebäude. So lag am Saalehang auch das Haus des zu seiner Zeit berühmten Romanschriftstellers August Lafontaine (1758–1831). Der Neubau der Straße Neuwerk zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnete in städtebaulicher Hinsicht ein neues Kapitel. Viele der namhaften hallischen Architekten dieser Zeit, wie Bruno Föhre, Hermann Frede und das Architekturbüro Knoch und Kallmeyer hinterließen hier ein oder mehrere Gebäude, die sich nun auf den Straßenverlauf hin orientierten. Der wohl aufwändigste Bau war die bereits 1902/03 errichtete Villa des Bankiers Reinhold Steckner, die heute vom Fachbereich Design der Kunsthochschule Burg Giebichenstein genutzt wird. Mit dem Denkmalbereich Neuwerk besitzt Halle ein grünes und gerade durch seine Heterogenität reizvolles Gebiet, das selbst durch den Durchgangsverkehr nicht beeinträchtigt werden kann.